Post von Georg

Aus 1800 Metern Höhe abgestürzt

0 Kommentare 22. November 1915

[ohne Ortsangabe, vermutlich Schlettstadt] geschr. d. 22.11.15

Meine l. Ida!

Endlich komm ich dazu; Dir den versprochenen Brief zu schreiben. Du hast ja jetzt jedenfalls lange warten müssen; aber es ging nicht anders. Heute kann ich auch schlecht dazu kommen. aber ich kann es nicht übers Herz bringen, ins Bett zu gehen und Dir den Brief nicht zu schreiben; und so weill ich Dir denn noch ein paar Zeilen schreiben. Vor allen danke ich Dir, daß Du mir immer so oft geschrieben hast; es freut mich immer wenn ich was von Dir bekomme; mann setzt sich denn wieder zurück in die frühere Zeit. wo wir so friedlich und glücklich zusammen waren, und konnte eins dem anderen seine Gedanken austauschen. Gott gebe daß die Zeit bald wieder kommt. Nur darfst Du nicht verzagen, immer Kopf hoch, einmal muß es doch zu Ende gehen. Die Freude dann vermag ich mir gar nicht vorstellen. Wenn ich mir hier manchmal den ganzen Kram betrachte, dann möchte ich weglaufen. Wir haben es ja ganz gut hier und bekommen auch ganz gut zu essen. aber es fehlt einem doch die Familie. Na wenn ich mal wieder komme dann geh ich nicht mehr weg. Dann hast Du aber einen richtigen Familienvater. Hoffentlich bist Du damit zufrieden. Du willst mir ja auch alles geben wenn ich wiederkomme. Na daß wird schön werden. Es ist doch gut daß wir uns so freuen können. Wie mancher Mann wird nach Hause kommen und ist von seiner Frau hintergangen worden und ebenso umgekehrt. Die armen Leute haben ihre innigste Bande hier auf dieser Erde zerstört, ohne noch an ihre Seele zu denken. Aber wenn man hört und sieht, es ist gerade als würde es immer schlimmer. Die ganze Welt wird einem manchmal zuwieder. Nun lieber Schatz hierzu genug. Wie geht es Dir und unserem kleinen Liebling. Der ist doch sicher schon recht groß geworden. Wenn ich mal wiederkomme, kenne ich ihn sicher nicht mehr wieder. Es sind nun schon wieder bald 2 [4?] Monate seitdem ich dort war. Ich sehe dich noch immer am Bahnhof stehen. Es ist doch immer das schwerste wenn man wieder weg muß. Dieser Krieg ist doch eine schwere Prüfung für unser Volk. Wie viel Herzeleid ist doch schon dadurch gekommen. besonders hat es mir sehr leid gethan für Riedels. Es ist doch hart für die Eltern. 2 Söhne in 1 paar Wochen. Jedes mal wenn ich höre daß wieder einer gefallen ist, dann bekomme ich jedesmal eine richtige Wut. gefreut hat es mich daß Otto Turk wieder einigermaßen hergestellt ist. Das mit dem Auge geht noch, ist es doch noch immer besser, als Arm oder Bein verloren, und die Wunden vernarben mit der Zeit. Der arme Otto muß auch viel durchmachen, auch der alte Vater Turk, es geht wohl allen wieder besser außer Alma. So hat eben ein jeder sein Päckchen zu tragen. Der eine hier, der andere dort. Was macht Lydia Halverscheid; ich glaube sie schlägt sich noch so durch, sie ist doch jetzt schon lange krank. Wenn Du mal ins Mesenhohl kommst, kannst Du sie alle herzl. grüßen. Konrad un. Karl haben ja noch mal dableiben dürfen. wie lange ist fraglich. Es wird jetzt eben jeder begraucht. Nun mein lieber Schatz muß ich bald schließen. Du wirst doch nun mal wieder für 4 Wochen zufrieden sein. Dann ist Weihnachten; den ich so gerne unter Euch verbringen möchte aber mach Dir man keine Hoffnung es ist so gut wie ausgeschlossen daß ich auf Urlaub komme. Daß geht nicht immer so. Wir werden wohl dies mal verzichten müssen; aber in Gedanken bin ich Tag für Tag bei Dir; und hoffe immer auf den Tag, der uns wieder zusammen führt. Nun Schatz leb wohl. Grüße Onkel und Tante recht herzlich von mir; und wenn Onkel schön artig ist, bekommt er auch was zu Weihnachten. Es freut mich daß es ihm jetzt besser geht. Nur Ruhe und keine Aufregung, dann läßt sich daß Kind schon schaukeln. Nun noch viele tausend Grüße und Küße an Dich und die kleine Elisabeth

Dein Georg

Wie Du siehst habe ich heute 7 Seiten geschrieben

Dafür bekomme ich aber mal was ganz besonderes später nicht wahr?

Diese Woche habe ich auch gehört daß ein bekannter Flugzeugführer von mir, (Wir waren viel in Darmstadt zusammen) aus 1800 m Höhe abgestürzt ist und sofort tot war. Er war auch ein junger netter Mensch. So geht einer nach dem andern.

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100 Jahre danach

Die Feldpostbriefe von Georg Schmiele erscheinen hier jeweils auf den Tag 100 Jahre, nachdem der gebürtige Berliner sie geschrieben hat. Was hat er im Ersten Weltkrieg erlebt und wie hat er den Krieg wahrgenommen? Veröffentlicht werden die Briefe von seinem Urenkel Carsten Fischer und Familienangehörigen.

Zur Person

Georg Schmiele

Ich bin Georg Schmiele, geboren 1888 in Berlin. Am 2. August 1914 wurde ich zum Kriegsdienst eingezogen. Wie es mir an der Front im Westen ergeht, schreibe ich meiner Frau Ida regelmäßig in meinen Briefen. Wir wohnen in Halver in Westfalen. Hier beginnen meine Feldpostbriefe und hier ist mein Lebenslauf.

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